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„Eine Hand wäscht die andere“
222 Jahre Blütenbiologie
Kennen Sie Christian Konrad Sprengel? Nein? Sie erinnern
sich aber noch an Ihren
Biologielehrer, der Ihnen dereinst auf scheue Fragen nach der Vermehrung
alles Irdischen mit den Bienchen und den Blümchen kam. Was der
Biologielehrer damals erzählte, wusste er von einem Theologen. Kein
Wunder also, könnte man meinen. Doch halt! Was uns heute als so völlig
selbstverständlich erscheint, nämlich der Zusammenhang zwischen den
Bienchen und den Blümchen, galt vor mehr als 200 Jahren in der Tat als
wunderbar, denn niemand wollte so recht an das glauben, was da 1793 in
Berlin erschienen war: "Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in
der Befruchtung der Blumen" erregte Aufsehen. Prominentester Gegner
Sprengels, Autor dieses Buches, war der Herr Goethe, der ihm vorwarf,
der Natur einen menschlichen Verstand zu unterlegen.
In der Tat hatte der Spandauer Gymnasiallehrer beim
Verhältnis zwischen Blüten und Bestäubern - in erster Linie Insekten –
ein recht "menschliches" Prinzip entdeckt:
Eine Hand wäscht die andere.
Blüten waren nicht mehr einfach nur schön und die Bienen
nicht mehr einfach nur hungrig. Anhand zahlreicher Untersuchungen konnte
Sprengel nachweisen, "dass der Saft dieser Blumen, wenigstens zunächst,
um der Insekten willen abgesondert werde (...)". Soviel
Zielgerichtetheit der Natur konnte man sich in einer Zeit, in der der
menschliche Verstand für den Gipfel aller möglichen Schöpfungen gehalten
wurde, schlechterdings nicht vorstellen. Doch Sprengel hatte recht.
Pflanzen und Bestäuber sind aufeinander angewiesen. Und dabei geht es
nicht um irgendwas, sondern um die schiere Existenz. Denn im Laufe der
Jahrmillionen hatte eine gegenseitige Anpassung, eine Koevolution,
stattgefunden. Und nun kann die Biene gar nicht mehr anders, als sich
von Blütennektar zu ernähren.
Und auch die Blume hat keine Wahl mehr. Sie muss so
gebaut sein, dass die Biene sie als Nahrungslieferant erkennt. Ein
gemütliches Plätzchen zum Speisen sollte auch vorhanden sein. Als
Gegenleistung für Nektar und Ambrosia nimmt unser Blümchen
Transportdienste der Biene in Anspruch. Sie hat nämlich den Rücken oder
den Kopf ihrer Besucherin mit Pollen gepudert; die Narben anderer Blumen
streifen ihn von dort wieder ab, die Bestäubung hat stattgefunden, und
das Überleben der Blumenart ist gesichert.
Nun sind die Bienen natürlich nicht die einzigen Bestäuber, und die
Anzahl der Blumen ist gewaltig. Vielfältig sind die Spezialisierungen.
So gibt es Käfer-, Wespen- und Fliegenblumen, Nachtfalter-, Tagfalter-,
Vogel- und sogar Fledermausblumen.
Einer der wichtigsten Bestäuber in unseren Breiten ist zweifellos die
Biene, die eine Vielzahl von Blumen verschiedener Gestalt besucht.
Bevorzugt werden Blüten mit einem sicheren Landeplatz, also Scheiben
oder Schalen Blumen wie z.B. Klatschmohn oder Gänseblümchen.
Beliebt sind auch Rachenblumen, deren Unterlippe zum Verweilen einlädt.
Bekannte Beispiele sind der Eisenhut oder das Löwenmäulchen. Blau, weiß
und gelb sind die Lieblingsfarben der Biene, und einen honigartigen Duft
findet sie sehr verlockend. Was hierzulande die Bienen, sind anderswo
die Fledermäuse. In den Tropen und Subtropen sind sie wichtige Bestäuber.
Sie brauchen besonders weite Blütenöffnungen und kräftige
Blütenhüllblätter, an denen sie sich mit ihren Daumenkrallen einhängen
können.
Doch
kehren wir noch einmal kurz zu Christian Konrad Sprengel zurück, dem
Entdecker des "Geheimnisses der Natur". 1750 geboren, hatte er in Halle
Theologie und Philosophie studiert und in Berlin unterrichtet. 1780
wurde er zum Stadtschuldirektor in Spandau ernannt. Doch seine Liebe zur
Botanik kostete ihn seinen Posten. Er wurde wegen Pflichtvergessenheit
entlassen. Bis zu seinem Tode im Jahre 1816 lebte er zurückgezogen und
immer noch verkannt. Letztendlich war es dann Charles Darwin, der dem
Werk Christian Konrad Sprengels viele Jahre nach dessen Tod Anerkennung
verschaffte.
Ich trat auf dem Honigmarkt in Siegen am 04. Oktober in
dem barocken Gewand auf und gewann damit eine große Beachtung. Die
Vorträge zur Blütenbiologie wurden in der Fachpress mit Foto
wiedergegeben.
Heinz-Josef Klein-Hitpaß
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